Gedanken zum Quäkersein

vor der Andacht, Hirschluch 2012

Die Quäker sind nach meiner Erfahrung eine sehr auf das Individuum ausgerichtete religiöse Gemeinschaft. Das zeigt sich schon in der schweigenden Andacht.

Für mich als Quäker ist sie der Ort und die Zeit des Stillwerdens und des Fallenlassen meiner Gedanken und der gemeinschaftlichen Hinwendung zum Göttlichen. Dabei bleibt offen, was den einzelnen Andachtsteilnehmer zum Göttlichen führt und was er darunter versteht.

Für den einen mag es wie eine christliche Andacht sein, versunken in Gebete, oder das sich auf den Weg der Nachfolge Jesus Machen, für den anderen das Hineinversenken in eine Sehnsucht nach göttlicher Nähe. Für andere wiederum das sanfte Ordnen des Lebens gestellt unter die göttliche Führung. Für wieder andere das tiefe dankbare Wahrnehmen der Schöpfung und das Fühlen, darin in unendlicher Weise eingebettet und aufgehoben zu sein, Göttliches zu ahnen und daraus Kraft zu schöpfen. Um nur wenige Beispiele zu bringen.

Das gemeinschaftliche sich dem Göttlichen Zuwenden und Hingeben, wie individuell es auch sein mag und verstanden wird, trägt uns in der Andacht und gibt uns so heute unsere gemeinsame Religiosität.

Wir sind aus christlichen Wurzeln erwachsen und von dieser Kultur bis heute geprägt und teilen auch die christlichen Werte. Trotz dieser Wurzeln haben wir kein zentrales Glaubensbekenntnis, vermeiden Dogmen und haben nur eine individuelle Theologie. Wir haben aber eine Vielzahl für mich wertvoller religiöser Bekenntnisse und Erfahrungen, die unseren Glaubensinhalt, unsere Handlungsweise und Verantwortung gut beschreiben, deren Wandel uns aber auch zeigt, dass wir immer ernsthaft Suchende sind.

Ich bin davon überzeugt, dass das Göttliche in jedem Menschen wirken und sich jeder Zeit offenbaren kann.

Außerdem bin ich davon überzeugt, dass Gott nicht teilbar ist. Er ist nach meiner Ansicht in allen Religionen der gleiche zentrale Punkt. Der Weg zu Gott wird zwischen den Kulturen und Religionen nur unterschiedlich gedacht und beschrieben. Das macht es mir möglich, meine Religiosität mit anderen Religionen zu teilen ohne mich selbst aufzugeben oder meine Religion hervorzuheben.

Ich bin in dieser Welt ein Lebewesen, was sich selbst wahrnehmen kann. Mein Schöpfer hat mich mit diesem Bewusstsein ausgestattet und mir diese Erde geschenkt, auf der ich leben und die ich lieben darf. Das fordert von mir, für diese Welt auch im Kleinen Verantwortung zu übernehmen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. In diesem Zusammenhang sehe ich mich verantwortungsvoll an alle Orte gestellt, an denen ich lebe, wirke und Verantwortung übernehme oder Leistungen beanspruche.

Obwohl ich hohen Idealen folgen möchte, weiß ich, dass ich fehlbar bin und meinen Idealen nicht immer folge. Das erinnert mich nicht nur an mein eigenes Versagen, sondern auch an die Unvollkommenheit meiner Mitmenschen, denen ich achtsam, friedvoll und mit Nachsicht sowie verzeihend begegnen kann.

Ernst