Kinder ihrer Zeit

Lockende Versuchung
USA 1956

English Unser Gesprächsabend über den Film „Lockende Versuchung“ am 14. November 2012 war eine anregende Reise in die Quäkergeschichte.

Das Quäkertum entstand in einer speziellen historischen Situation um 1650. In England war die geistliche und weltliche Macht weitgehend zusammengebrochen, auch der Kalvinismus war in einer schweren Krise. Es entstanden damals viele Dissenter-Gruppen. Die Quäker waren nur eine von ihnen und bei weitem nicht die radikalste. Dass sie von den Seekern, Diggers, Ranters usw. als einzige überlebten, verdankten sie der Kompromissbereitschaft und der Klugheit ihrer Führer. Viele Elemente des frühen Quäkertums fanden sich auch bei den anderen Gruppen.

Doch der Preis für das institutionelle Überleben war hoch. Die Freunde wurden aus einer Bewegung zur Sekte, abgeschottet nach außen, mit einer eigenen Quäkerkultur unter strenger Beaufsichtigung der Mitglieder. Diese quietistische Phase hatte viele Ähnlichkeiten mit dem kontinentalen Pietismus: Die Innenschau, das eifrige Schreiben geistlicher Tagebücher verbunden mit einer puritanischen Arbeits- und Geschäftsethik und einer strikten Ablehnung aller weltlichen Vergnügungen, wie Musik, Kunst und Literatur.

Mit dem aufkommenden Methodismus und den Erweckungsbewegungen wurden auch die Quäker zu Beginn des 19. Jahrhunderts mehr und mehr evangelikal. Die Bibel wurde dezidiert über das „innere Licht“ gestellt. Hier wäre die besondere Geschichte der Quäker fast zu Ende gewesen, sie wären vielleicht eine der vielen evangelikalen Denominationen geworden neben Methodisten, Baptisten etc., wenn nicht beginnend mit der Abspaltung der liberalen Quäker in den USA (Hicksite Separation 1827) eine neue Entwicklung begonnen hätte. (Im Detail ist das natürlich alles viel komplizierter.)

Nachdem dann die britischen Quäker Ende des 19. Jahrhunderts viele Eigentümlichkeiten der Quäkerkultur, besondere Kleidung, Ausschluss bei Heirat mit Nicht-Quäkern usw. abgeschafft hatten, war der Weg frei für die große Erneuerung des liberalen Quäkertums Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Wegbereiter dieser Entwicklung entstammten dem intellektuellen Bürgertum, hochgebildet, sozial engagiert, fortschrittsgläubig mit einem großem Interesse an Mystik. Mit diesen Augen lasen sie die frühen Quäker neu. Ihre Reinterpretation führte zu einer neue Gewichtung der Zeugnisse, insbesondere des Friedenszeugnisses. Das „Historische Friedenszeugnis“ von 1660 gewann erst nach dem Ersten Weltkrieg seine heutige zentrale Bedeutung.

Von hier ging jener fortschritts-optimistische, mystisch begründete, soziale und politische Aktivismus aus, der die Freunde bis in die 70er Jahre trug und im wesentlichen den heutigen Ruf der Quäker bestimmt. Aber es war wiederum auch der Geist der Zeit.

Heute ist die Welt anders und neue Antworten sind dringend gefragt. Vielleicht gilt es, wieder einen neuen Blick auf die Tradition zu werfen.

Der Film bot viel Stoff, um angeregt über die vielen Aspekte der Quäkergeschichte zu sprechen. Obwohl wir bereits 18:00 Uhr begonnen hatten, gingen wir ungewöhnlich spät auseinander, und keinem von uns ist der Abend lang geworden.