Unser Alltag mit Meister Eckhart

Eindrücke vom Meister-Eckhart Seminar in Erfurt, 16.-18. Mai 2014

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Thematische Stadtführung: Welche Gebäude sah bereits Meister Eckhart?

Was ist es doch für ein Glück, dass wir mit Ursula eine so versierte Meister-Eckhart-Freundin haben! Zusammen mit Roswitha Jarman aus York lud sie nun zum dritten Mal zu einem Seminar über diesen außerordentlich um- und weitsichtigen Mystiker ein. Eine gute Mischung aus ihrer beider Orts- und Sachkenntnis sowie außerordentlicher Gelassenheit in allen Dingen der Organisation haben dem Wochenende, obwohl es gespickt war mit Angeboten, den ruhig-nachdenklichen Charakter gegeben, der dem Inhalt angemessen war. Großen Dank haben sie dafür von den 26 Freunden, Freundinnen und Interessierten bekommen, die daran teilnehmen konnten.

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vor der Predigerkirche

Untergebracht waren wir im Augustinerkloster (wo Luther einst Novize war), von wo aus wir gleich am ersten Abend zur Predigerkirche gehen konnten, Teil jenes Dominikanerklosters, in dem – lange vor Luther, im 13. Jahrhundert – Meister Eckhart beheimatet war. Dort bekamen wir erste Einblicke in sein Leben und Wirken vermittelt und hatten auch Zeit für eine Stille, um diese ersten Eindrücke auf uns wirken zu lassen.

Neben den täglichen Andachten und einem Gespräch aus der Stille am Samstag Nachmittag zu ausgewählten Eckhart-Texten gab es drei größere Vorträge, die die Möglichkeit, diesen außergewöhnlichen spirituellen Meister in unseren Alltag zu integrieren, auf unterschiedliche Weise von verschiedenen Blickwinkeln aus beleuchteten.

Predigerkirche

In der Predigerkirche

Für den ersten Vortrag hatte Ursula eine wahrhafte Koryphäe gewinnen können: Prof. Dietmar Mieth, Präsident der Meister-Eckhart-Gesellschaft. Er sprach zu „Meditation mitten im Wirken. Eine Anregung Meister Eckharts für heute“, und es gelang ihm, der sicherlich eher gewohnt ist, vor akademischem Publikum zu sprechen, einen Ton zu finden, der wie aus unserer Mitte klang. Damit kam er Eckharts Ziel, weniger ein „Lehr- oder Lesemeister“ als ein „Lebe-Meister“ zu sein, ziemlich nahe. Mit einer Schilderung der Auslegung der Geschichte von Maria und Martha (Lukas 10;38-42) wurde Prof. Mieth dann sehr konkret. Die beiden Schwestern beherbergen Jesus und seine Jünger und während Martha sich um die Versorgung der Gäste kümmert, sitzt Maria zu Jesu Füßen und hört ihm zu. Lukas befindet, sie habe den besseren Teil gewählt. Dem widerspricht Eckhart, denn Martha habe das Innen und das Außen schon vereinigt. Wer sich nur ins Innere versenke, könne nicht wesentlich leben. Für uns Quäker besonders interessant zu hören war noch, dass Eckhart sich auch mit Texten von Mystikern anderer Religionen auseinander gesetzt hat. So ist z. B. die Taufe kein Unterscheidungsmerkmal. Was er die „Gottesgeburt“ nennt, könne in jedem Menschen, gleich welcher Religion, Rasse, Geschlecht oder Herkunft stattfinden. Ein sehr lebendiger Fragen-Teil schloss den Vormittag ab.

Kapitelsaal-Dachboden

Dachboden im Predigerkloster

Von Roswitha Jarmans Beitrag „In der Stille wird Gott geboren“ möchte ich nur jene fünf Aspekte des Schweigens benennen, die ihr beim Lesen von Meister Eckhart wichtig geworden sind, weil vorgesehen ist, ihren Text in einem der nächsten „Quäker“ abzudrucken. Dass dabei das „einfache Schweigen“ an erster Stelle steht, liegt auf der Hand. Im zweiten Aspekt geht es ihr darum, dass wir unsere Gedanken zur Ruhe bringen, die ja nur allzu leicht weiter laufen, auch wenn wir äußerlich zur Ruhe kommen. Als dritten Aspekt nennt sie das „Loslassen, das frei Werden von Dingen, die sich unsere Persönlichkeit umgehängt hat“. Im vierten Aspekt geht es um die Stille als Einheit, als Haus Gottes, dem eigentlichen Grund. Der letzte Aspekt wäre dann „Gottes quitt“ zu werden, wie Eckhart sagt, gemeint ist: frei von allen Gottesbildern; – und hier möchte ich ihr Zitat wiedergeben: „Du sollst ihn lieben wie er ist, ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild …“ Roswitha belegt diese Aspekte, die man auch als Wege oder Stufen lesen kann, mit wohl ausgesuchten Textstellen. Freut Euch auf die Lektüre!

Augustinerkloster

Tagungsort: Das Augustinerkloster

Zum Abschluss sprach Ursula selbst über Meister Eckharts Bildersprache. Die Schwierigkeit, spirituelle Erfahrungen in Worte zu fassen, kennen wohl alle, die schon einmal versucht haben, zu beschreiben, wie im Idealfall unsere Andachtsbeiträge entstehen. Eckhart löst das Problem, indem er sich sehr bildhaft ausdrückt. Auf seine Metaphern Feuer, Funke und Grund ging sie besonders ein. Am Feuer sieht Eckhart, dass es alles zu seinesgleichen macht, was ihm zugeführt wird: das Holz wird zu Feuer und nicht das Feuer zu Holz – so gleicht sich Gott nicht uns an, sondern „so werden wir in Gott verwandelt, damit wir erkennen können, wie er ist“. Der Funke ist laut Eckhart „ohne Vermittlung von Gott geschaffen …, ein überschwebendes Licht … Dieses Licht trägt die Seele in sich.“ Der Grund ist bei Eckhart ein solch komplexes Bild, dass ich Euch hier nur auf den Text von Ursula verweisen kann, der ebenfalls im „Quäker“ erscheinen soll – mit den eindrücklichen Fotos, deren Aussage auch über das eigentlich Dargestellte hinaus gehen.

Das ganze Wochenende war eine Bereicherung. Wir trennten uns mit der Hoffnung, dass es irgendwann wieder einen Aspekt aus der Weisheit Meister Eckharts geben möge, den wir miteinander betrachten dürfen.

Ute

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Am Abend vor dem Augustinerkloser